Herausforderndes Verhalten in der Grundschule sah ich lange als Problem. Bis mich ein Erstklässler eines Besseren belehrte.

Es war ein ganz normaler Schultag – bis er es nicht mehr war.

Ein Erstklässler. Schreien, Werfen, Schlagen, Treten. Vier Stunden lang. Die Eltern nicht erreichbar. Der Rest der Klasse bei einem Kollegen in Sicherheit. Und ich – allein mit diesem Kind, das nicht aufhören konnte.

In diesem Moment hatte ich eine Entscheidung zu treffen. Die naheliegende wäre gewesen: Polizei rufen, Krankenwagen, Eskalation eindämmen. Ich habe mich dagegen entschieden – weil ich wusste, welch tiefen Einschnitt das in diesem Kind hinterlassen würde. Ich konnte dafür sorgen, dass die Situation nicht gefährlich wurde. Also blieb ich.

Vier Stunden später war der Junge erschöpft. Ich auch. Aber irgendetwas hatte sich verändert – nicht in ihm, sondern in mir.

Die Frage, die alles verändert hat

In einer kollegialen Fallbesprechung Wochen später – es ging um einen anderen Fall – traf mich ein Gedanke wie ein Schlag: Dieser Junge hatte geschrien, weil er keine andere Möglichkeit mehr hatte. Seine emotionale Erregung war so hoch, dass er seine Bedürfnisse nicht mehr verbalisieren konnte. Was nach außen aussah wie Aggression, war in Wirklichkeit ein Hilferuf.

Er wollte getröstet werden. Er empfand eine Situation als zutiefst ungerecht – und hatte keinen Weg, das zu kommunizieren. Also schrie er.

Seitdem stelle ich mir bei herausforderndem Verhalten eine Frage, bevor ich handle:

Welchen Sinn und Zweck hat dieses Verhalten gerade für diesen Schüler – für diese Schülerin?

Diese Frage klingt einfach. Sie ist es nicht. Aber sie verändert alles.

Was die Forschung zu herausforderndem Verhalten in der Grundschule sagt

Diese Erfahrung steht nicht allein. Die Wissenschaft bestätigt, was die Praxis zeigt.

Thomas Hennemann und seine Arbeiten zur emotionalen und sozialen Entwicklung machen deutlich: Verhaltensauffälligkeiten sind selten Ausdruck von Böswilligkeit – sie sind Ausdruck von Überforderung, unerfüllten Bedürfnissen oder fehlenden Bewältigungsstrategien. Kinder mit herausforderndem Verhalten sind in der Regel keine Kinder, die nicht wollen. Es sind Kinder, die noch nicht können.

Emmer und Evertson zeigen in ihren Arbeiten zum Classroom Management, dass das Verhalten von Schülerinnen und Schülern eng mit dem pädagogischen Setting zusammenhängt – mit der Art wie Lehrkräfte Regeln einführen, Beziehungen gestalten und auf Störungen reagieren. Nicht das Kind ist das Problem. Die Frage ist immer: Was trägt die Situation dazu bei?

Der Sammelband von Klickpera ergänzt diesen Blick um die sonderpädagogische Perspektive: Kinder im inklusiven Setting bringen oft Vorerfahrungen mit, die ihr Verhalten erklären – auch wenn diese Erklärungen im Schulalltag nicht sofort sichtbar sind.

Was das für den Unterrichtsalltag bedeutet

Herausforderndes Verhalten in der Grundschule geschieht selten im leeren Raum. Es geschieht in Klassen mit 23 anderen Kindern, die große Ohren haben. Es geschieht in Momenten, in denen der Unterrichtsfluss bereits stockt. Und es geschieht oft dann, wenn keine Zeit ist.

Das verleitet zu einer Reaktion, die verständlich ist – aber selten hilft: verbale Autorität durch Hierarchie. Laut werden. Ansagen machen. Grenzen setzen, die in diesem Moment nicht ankommen können, weil das Kind emotional nicht erreichbar ist.

Klare Ansagen haben ihren Platz. Sie funktionieren oft – und es wäre falsch zu behaupten, dass Struktur und Konsequenz keine Rolle spielen. Aber sie sind nicht genug. Und sie sind nicht der erste Schritt.

Der erste Schritt ist: den Unterrichtsfluss sichern – damit die anderen Kinder weiterarbeiten können und Raum entsteht. Nicht das Gespräch vor der Klasse als Bühne. Nicht die abfällige Bemerkung, die das Kind beschämt. Sondern eine kleine, ruhige Handlung, die die Situation entschärft – und das Einzelgespräch ermöglicht.

Warum Beziehungsarbeit keine einmalige Sache ist

Hier liegt einer der häufigsten Irrtümer im Umgang mit herausforderndem Verhalten: die Vorstellung, dass ein gutes Gespräch reicht. Dass man einmal mit einem Kind redet, es versteht, und es ändert sich etwas.

Das passiert selten.

Kinder, die regelmäßig durch herausforderndes Verhalten auffallen, haben in vielen Fällen noch nicht gelernt, mit ihren Empfindungen und Bedürfnissen umzugehen. Das ist keine Schwäche – das ist ein Entwicklungsstand. Und Entwicklung braucht Zeit, Wiederholung und vor allem: eine verlässliche Beziehung.

Wertschätzung, Anteilnahme und Verständnis sind keine weichen Konzepte. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass pädagogisches Handeln überhaupt wirkt. Ein Kind, das sich nicht gesehen fühlt, wird keine Ansage annehmen – egal wie klar sie formuliert ist.

Das bedeutet für Lehrkräfte: viele Gespräche. Viele kleine Momente. Viel Geduld, auch wenn die Situation sich nicht sofort verändert. Und die Bereitschaft, immer wieder zu fragen: Was braucht dieses Kind gerade – und was kann ich jetzt tun?

Herausforderndes Verhalten als Botschaft verstehen

Dieser Perspektivwechsel ist keine Romantisierung. Es geht nicht darum, jedes Verhalten zu entschuldigen oder Konsequenzen wegzudiskutieren. Es geht darum, den Blick zu weiten.

Wenn ein Kind stört, provoziert, verweigert oder eskaliert – dann ist das eine Information. Die Frage ist, ob man diese Information liest oder übergeht.

Wer lernt, herausforderndes Verhalten als Botschaft zu lesen, wird nicht automatisch zum besseren Menschen. Aber er wird zu einer wirksameren Lehrkraft. Zu jemanden, der nicht nur reagiert – sondern handelt. Gezielt, ruhig, und mit einem klaren Ziel: dass Lernen wieder möglich wird. Für alle.

Werkzeuge für den Alltag

Wenn Sie die Frage – Welchen Sinn und Zweck hat dieses Verhalten? – als Ausgangspunkt nehmen wollen, brauchen Sie ein Werkzeug, das Ihnen im Moment des Geschehens hilft, schnell eine Antwort zu finden und die passende Reaktion zu wählen.

Genau dafür habe ich das Entscheidungsrad entwickelt – ein kompaktes System für herausfordernde Unterrichtssituationen, das die Logik von Erkennen, Einordnen und Intervenieren in eine handhabbare Form bringt.

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Wolf Knipper ist Sonderpädagoge mit den Förderschwerpunkten Emotionale und Soziale Entwicklung sowie Lernen. Er arbeitet an einer inklusiven Grund- und Werkrealschule in Baden-Württemberg und entwickelt Werkzeuge für den Umgang mit herausforderndem Verhalten im Schulalltag.

Wolf Knipper Sonderpädagoge und Fortbildner